Medien BackSpin

Falsches zu Nahost richtig gestellt

Rezensenten lehnen “The Israel Lobby“ ab

honestreporting.com, Communiqué, 20. September 2007

Walt & Mearsheimers Buch muss in den Massenmedien herbe Kritik einstecken.

Trotz farbenprächtig inszenierter Publicity im Vorfeld und Veröffentlichung ihres Buches „Die Israel Lobby und die US-Außenpolitik“ behaupten die Professoren Stephen Walt und John Mearsheimer weiterhin, dass eine allmächtige "Lobby" sie und andere Kritiker Israels in den Medien zum Schweigen gebracht hätte.

Die pure Notwendigkeit von Organisationen wie HonestReporting und der Bestsellerstatus von Israelkritikern wie zum Beispiel Jimmy Carter und dessen Buch „Palästina: Frieden, nicht Apartheid“ würde Walt und Mearsheimers Ansprüche auf eine Märtyrerrolle möglicherweise relativieren.

Walt und Mearsheimers Buch wird wohl nicht der Bestseller, den sich die Autoren erhofft hatten - folgt man vielen Rezensionen in den Mainstream-Medien. Anders als einige verschwörerischen Bemühungen, das Buch zu begraben, wie W & M uns glauben machen wollen, scheint es so zu sein, dass gesunder Menschenverstand vorgeherrscht hat.

Viele Zeitungen, darunter einige, die regelmäßig kritisch über Israel berichten, haben erkannt, dass die Veröffentlichung von W & M schlicht eine schrecklich fehlerhafte Lektüre ist. Hier eine Auswahl neuer Rezensionen:

Tim Rutten*, LA Times: „Jeder, der mit der qualvollen Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts vertraut ist, wird Mühe haben, die Geschichte anzuerkennen, die Walt und Mearsheimer vorführen. Jedes uralte Gräuelmärchen über Israel wird hervorgekramt und die lange Geschichte des palästinensischen Terrorismus wird als Reaktion auf israelische Unterdrückung wiedergegeben. Das Scheitern jeglicher Friedensverhandlungen wird der israelischen Verschlagenheit unter dem Schild der amerikanischen Israel-Lobby zugeschrieben. Nichts ist zu lesen über palästinensische Korruption, Spaltung und Doppelzüngigkeit oder gar die Unfähigkeit dieser unglücklichen Leute, einen zuverlässigen weltlichen Partner aufzubieten, mit dem Friedensverhandlungen geführt werden könnten.

Zeitweise widersprechen sich die Autoren, die anführen - eigentlich außergewöhnlich - dass einerseits die USA von einem nuklear bewaffneten Iran nichts zu befürchten haben, und zum anderen, dass die gefährliche Aussicht auf einen atomar hochgerüsteten Iran durch fehlerhaftes Verhalten der Israel-Lobby entstand. In ähnlicher Weise schreiben sie, Al-Qaida würde seine Schwerter in Pflugschare umschmieden und Osama Bin Laden würde neben den Lämmern liegen, wenn nur die Vereinigten Staaten sich von ihrer Leibeigenschaft unter Israel befreien und mit Zwang einen palästinensischen Staat durchsetzten.

Alles Quatsch: Wenn - wie vor langer Zeit schon vorgeschlagen wurde - der jüdische Staat in Uganda gegründet worden wäre, würden die Twin Towers dennoch in Schutt und Asche liegen.“

David Remnick, The New Yorker: „Wo viele Beschreibungen sich mit Osama Bin Ladens ursächlichem Groll wegen der amerikanischen Unterstützung "Ungläubiger" in autoritären islamischen Regimes auseinandersetzen, erklären Walt und Mearsheimer seine [Osama bin Ladens; die Redaktion] primäre Sorge zu der ihren: Amerikas Widerwillen, Israel zu drängen, die Besetzung des Westjordanlandes und des Gazastreifens zu beenden. (Es spielt wohl keine Rolle, dass Israel und die Palästinenser sich 1993 in Friedensverhandlungen befanden, dem Jahr, als zum ersten Mal ein Anschlag auf das World Trade Center verübt wurde, oder dass während der Friedensverhandlungen in Camp David im Jahr 2000 Bin Ladens Piloten in Florida trainierten). Walt und Mearsheimer inszenieren das Gefühl, dass, wenn Israelis und Palästinenser sich einigen, Osama bin Laden wieder in seine familieneigene Baufirma zurückkehren würde.

Es ist eine Geschichte, die jede grelle Meldung von israelischer Grausamkeit als unbestreitbare Tatsache erzählt, aber das Aufkommen der Fatah und des palästinensischen Terrorismus vor 1967 völlig ausblendet; dazu die Olympischen Spiele in München; den Schwarzen September; unzählige Selbstmordattentate und andere spektakuläre Ereignisse“.

Steve Huntley, Chicago Sun Times: „Die zwei gehen so weit, dass sie versuchen, jede Andeutung von Antisemitismus in ihrer Kritik am AIPAC** und anderem Pro-Israeli-Gruppen zurückzuweisen. Aber Sie können Die Israel Lobby nicht lesen ohne zu erkennen, dass wenn auch immer zwei Interpretationen für eine Aktion Israels oder seiner Unterstützer existieren, Walt und Mearsheimer automatisch zu der dunkleren Betrachtungsweise neigen.“

William Grimes, The New York Times: „Der generell feindliche Zungenschlag gegenüber Israel ist enervierend - wie auch immer - einhergehend mit dem nicht zu ignorierenden Eindruck, dass engstirniger politischer Realismus seinen eigenen befremdlichen Phantasien unterliegt. Israel ist nicht einfach ein Land unter vielen, so wie es zum Beispiel auch Großbritannien nicht ist. Amerikaner haben enge Bande zu ihrer Geschichte, Religion, Kultur, und - ja - Gefühlen, was die Autoren durchaus erkennen, aber nur in einer wolkigen, abstrakten Weise.

Walt & Mearsheimer scheinen auch zu glauben, dass die Wüste sich in einen Blumenteppich verwandelt, wenn Israel und seine Lobby an den Rand gedrängt werden. Ein Friedensvertrag mit Syrien würde mit Sicherheit folgen - mit der daraus resultierenden Einstellung der feindlichen Aktivitäten von Hamas und Hisbollah. Danach käme ein Palästinenserstaat, der die Al-Qaida ihres Hauptanwerbeinstrumentes beraubt. (Die Autoren verwerfen den Gedanken, dass der islamische Terrorismus aus anderen Gründen floriert). Gut, natürlich - der Iran scheint ein Problem zu sein, aber die Autoren argumentieren, dass sich niemand von einem Iran mit Atomwaffen besonders bedroht fühlen sollte. Und so weiter….“

Mark LeVine, Asia Times: „Walt und Mearsheimer scheinen wenig über den Nahen Osten zu wissen - über Israels Rolle in der amerikanischen Außenpolitik und was die Kernbestandteile amerikanischer Ziele und strategischer Interessen in der Region sind. Sie meinen, dass dies ein Fall von „Schwanz, der mit dem Hund wedelt“ ist - ein Satellitenstaat und seinen Verbündeten in den USA, die die Regierung der USA dazu verleiten, sich in politischen Angelegenheiten zu engagieren, die sich offenkundig mit ihrer unangemessenen Macht gegen ihre eigenen Interessen richtet. Dies ist jedoch Unsinn. In Wahrheit ist es genau anders rum.“

Richard Cohen, Washington Post: „Letztendlich enttäuschen Walt und Mearsheimer. Sie hatten lohnenswerte Beobachtungen angestellt und eine Position, die debattierbedürftig war. Aber ihre Argumente sind so langweilig und dürr, so einseitig - angeblich eine Israel-Lobby, die Amerika an der Nase herumführt. Sie offenbaren, dass sie weder Israel noch die USA kennen“.

Noch ausführlicher können Sie sich informieren bei:

• George Schultz, Der Mythos “Israel Lobby“, U.S. News & World Report

• Dore Gold, Die Allianz USA-Israel verstehen: Eine israelische Antwort auf die Behauptungen von Walt & Mearsheimer

[Beide Beiträge in Englisch]
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*Erfordert Registrierung
**American Israeli Political Action Committee

Bernd Dahlenburg am 21.9.07 21:09

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